Wenn sich Fallen wie Fliegen anfühlt

Menschen brauchen Flügel. Und manchmal, manchmal suchen wir sie mit allem, was wir haben. Manchmal verlieren wir uns selbst in der Illusion, dass sich Fallen wie Fliegen anfühlt, für eine begrenzte Zeit. Denn Fallen tut nie weh, und die Tatsache dass wir uns spiralförmig nach unten und niemals, nie in eine andere Richtung bewegen, ignorieren wir mit solchem Bestand, dass wir uns selbst überzeugen. Es ist verblüffend, denn eigentlich wissen wir, dass wir uns um zu Fliegen in die Luft erheben müssen, dass wir nicht fliegen ohne den Wind und die Freiheit. Aber an dunklen Tagen, an denen wir unsere Flügel überall, wirklich überall suchen, wählen wir den Fall. Wenn wir die Augen schließen, merken wir den Unterschied auch gar nicht: Der Wind zieht an uns vorbei, die perfekte Imitation. Und unfassbarerweise je schöner, je tiefer wir fallen: Umso länger fliegen wir. Umso freier sind wir, scheinbar. Ich glaube, wir sind Seefahrer, und uns rufen die schönsten Sirenen in die Tiefe. Und wir wissen von Anfang an, dass wir nicht nachgeben dürfen, um uns vor Schmerzen zu bewahren, schließlich navigieren wir nicht erst seit gestern durch dieses Leben. Wir wissen das. Wir alle wissen es. Und dann schließen wir die Augen, und wir stellen uns vor wie es sich anfühlt wenn sich die kühle Endlosigkeit um einen schließt und die schönsten Sirenen um uns tanzen. Und unser Herz, gott, es schlägt unglaublich sehr. Unsere Anziehung zu den singenden Sirenen ist so stark, dass wir es als unser Privileg sehen, uns in ihre Arme zu begeben – freiwillig, bei vollem Bewusstsein. Wir schwindeln uns vor, dass die fünf unfassbar schönen Minuten mit ihnen den Schmerz wert sind, und, wirklich – das sind sie. Manchmal fühlt sich Fallen wie Fliegen an, wenn die Illusion stark und wir einsam genug sind. Weil wir es so verzweifelt wollen, dass wir unsere Realität umbauen, und das Meer zum Himmel wird. Und nach unserem Tiefenrausch, nach all diesem intensiven Leben, wenn wir mit kalter, blasser Haut knapp über dem Meeresboden schweben und unsere Augen starr in die Leere blicken, dann fragen wir uns klammheimlich, wieso wir eigentlich glauben, dass wir niemals fliegen werden. Weshalb wir uns immer wieder in die Tiefe stürzen, weshalb wir dermaßen überzeugt sind, dass unser Traum vom Fliegen auf keinen Fall wahr werden könnte. Und wir denken daran, wie oft wir schon den Sirenen gefolgt sind. An all die Lieder, all die Geschichten die über sie geschrieben werden, über unsere Sirenenmenschen: Geschichten, die alle auf die selbe blaugefärbte, meerestrunkene Art schmerzen, und die unsere Sehnsucht nach dem Fliegen wachsen lassen und uns zugleich einflüstern, dass wir nie fliegen werden. Wir wissen nicht wie. Also segeln wir weiter und wenn uns die nächste Sirene Schönheit und Liebe verspricht, zögern wir kaum. Und manchmal, in der Nacht, sind wir uns in all unserer Dummheit sogar sicher, dass unsere Sirenenmenschen all das wert sind, weil sie immer schöner sein werden als ein perfekter Himmel ohne Tiefe.

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